Lebensfabrik

Gedankenschmiede (Blog)


Der Unterschied zwischen Erwartung und Wunsch

20.11.2025

Immer wieder begegnet mir ein Thema, das meines Erachtens wert ist, genauer angeschaut zu werden. «Wunsch» und «Erwartung» sind Wörter, Etiketten, welche für zwei innere Haltungen stehen. Wichtig ist der Unterschied zwischen den zwei Einstellungen.

Viele Dinge im Leben können wir nur sehr beschränkt oder oft gar nicht beeinflussen. Sei es das Wetter, die politische Lage, das Verhalten von Menschen im Umfeld, sei es an der Arbeit, in der Familie, der Schule oder sonst in irgend einer Beziehung. Das war schon immer so und ist eigentlich normal. Wie wir mit solchen

Lebenstatsachen umgehen, ist aber entscheidend.

Erwartungen

Als «Erwartung» bezeichne ich die innere Einstellung, bei der man meint, ein bestimmtes Resultat, ein Ergebnis, das Verhalten eines anderen Menschen, müsse auf eine ganz bestimmte Art und Weise eintreten. Man geht davon aus, dass etwas sich auf eine ziemlich exakte Weise ereignen, eintreten muss. Meistens ist diese
Erwartung unbewusst. Abweichungen von unserer genauen Erwartung lösen dann regelmässig Enttäuschung, Frustration, Ärger oder sogar Wut aus.

Täglich gibt es viele Ereignisse, wo sich Erwartungen und  Zustände oder Verhalten kreuzen. Der Wetterbericht war gestern ausgezeichnet, man hat alles bereit gemacht für den geplanten Ausflug im Freien und nun regnet es heute. Ein Autofahrer 

überholt auf der Autobahn und biegt knapp vor einem wieder ein, sodass man abbremsen muss. Man hat sich geschäftlich oder privat mit jemandem verabredet, aber die andere Person erscheint nicht – ohne Entschuldigung. Man hält jemandem 

freundlich die Türe auf und die Person geht ohne mich zu beachten einfach durch, ohne ein Zeichen der Anerkennung für meine Freundlichkeit. Ein Mensch hört mir nicht zu, obwohl das für mich wichtig wäre. Das App, das PC-Programm tut nicht, was ich will usw. All das löst dann Enttäuschung, Frust oder Ärger

aus.

Diese Gefühle von Enttäuschung, Frust, Ärger oder gar Wut werden ausgelöst, weil jemand oder etwas sich anders verhält, als wir es erwartet haben. Die innere Haltung ist, dass etwas so eintreffen MUSS, wie ich mir das vorgestellt habe und Abweichung davon verursacht Unmut.

Wunsch

Beim «Wunsch» verhält es sich bei der genau gleichen äusseren Situationen anders. Die innere Einstellung ist eine andere – und das macht den riesigen Unterschied. Beim Wunsch hätte man den geplanten Ausflug im Freien ebenfalls gerne gemacht, nur dass die innere Haltung eine andere ist. So in etwa: «Heute wäre es schön gewesen, die lange schon geplante Wanderung zu machen. Schade, ich hätte diese gerne gemacht. Da es aber nun regnet, macht es keinen Sinn.» Deshalb wäre vielleicht der schon lange auf der Liste stehende Museumsbesuch unter den gegebenen Umständen die bessere Variante.

Beim Wunsch ist die Abweichung vom Erhofften keine Katastrophe oder Weltuntergang, es ist einfach etwas nicht so eingetroffen, wie ich das gerne gehabt hätte. Der wichtige Unterschied zur Erwartung liegt einerseits darin, dass ein anderes als das gewünschte Ergebnis hingenommen wird. Andererseits lässt der Wunsch eben immer auch Alternativen offen – im Gegensatz zur Erwartung, wo nur und genau das Erwartete eintreten darf.

Einer meiner Lieblings-Coaches, Jens Corssen, hat das für das Verhalten anderer Verkehrsteilnehmer einmal in etwa so ausgedrückt: «Man darf erwarten, dass sich die meisten Verkehrsteilnehmer meistens regelkonform verhalten, aber man kann nicht erwarten, dass sich alle Verkehrsteilnehmer immer korrekt verhalten.» Meine Ergänzung: wir selbst verhalten uns ja auch nicht hundertprozentig korrekt… Man darf jedoch erwarten, dass der Wetterbericht meistens stimmt, muss 

aber auch damit rechnen, dass sich das Wetter eben anders verhält als vorhergesagt. Und bei Mensch und Tier ist die mehr oder weniger grosse Abweichung von meiner Vorstellung ja geradezu Norm.

Zusammengefasst

Bei beiden Varianten geht es um das Nicht-Eintreten von etwas. Gemeinsam ist ihnen, dass man Ent-täuscht wird. Bei der Erwartung hat man den Anspruch, dass das Erhoffte eintreten MUSS. Beim Wunsch soll es, MUSS aber NICHT. Bei der Erwartung bleibt man stecken, ist festgefahren. Beim Wunsch kann man sich dann wieder Anderem, Neuem, dem Fluss des Lebens zuwenden.

Es wäre lohnend und auch spannend, während ein paar Tagen Protokoll zu führen, wann man mit Erwartungen an Situationen getreten ist und was dies ausgelöst hat oder wann man über einer Sache stehen und akzeptieren konnte, dass es eben nicht so

herausgekommen ist, wie man das am liebsten gehabt hätte.

Folgenden, das Thema perfekt auf den Punkt bringenden Spruch habe ich kürzlich gesehen: «A wise person takes things lightly and does not insist that things should happen in any particular way.» – Eine weise Person nimmt die Dinge Leicht und besteht nicht darauf, dass sich Dinge auf eine bestimmte Art ereignen sollten. Englische Quelle unbekannt, von mir übersetzt.